Unser erstes Schuljahr

Unser erstes Schuljahr

Für unsere Große beginnen heute die ersten Sommerferien. Und ich könnte nicht stolzer auf sie sein, als ich es heute bin. Was ist sie in diesem Jahr gewachsen! Einem Jahr mit großen Startschwierigkeiten, vielen Ängsten und einem großen Sorgenkind. Aber auch ein Jahr mit neuen Freundschaften, entdeckten Stärken und ungekanntem Selbstbewusstsein.

Wie die Einschulung zur Katastrophe wurde

Wir haben uns riesig auf die Einschulung gefreut. Unsere Große hat die Zeit in der Vorschulgruppe sehr genossen und konnte es kaum erwarten, dass sie endlich mit ihren beiden Freundinnen in die Schule kam. Während dessen habe ich mit großer Freude und Leidenschaft das kleine aber feine Einschulungsfest vorbereitet. Dann war er endlich da – der große Tag. Und wurde eine mittlere Katastrophe…

Es fing alles noch so wunderbar an. Unsere Große sah wundervoll aus und strahlte über das ganze Gesicht. Die Schultüte und auch die Geschwistertüte waren fantastisch und die Inhalte fanden großen Gefallen. Der Weg in den Schlosspark zur Einschulung war beschwingt & fröhlich und die Vorführung der älteren Klassen begeisterte. Dann wurden die Kinder aufgerufen. Ja, bei unserer Grundschule erfahren die Kinder & Eltern tatsächlich erst bei der Einschulung in welche Klasse sie kommen. Aus dem Kindergarten unserer Großen sind mit ihr zwei weitere Mädchen und drei Jungs auf unsere Schule gegangen. Und als die Namen aufgerufen wurden, war unsere Große mit den drei Jungs in einer Klasse, aber nicht mit ihren beiden Freundinnen.

In diesem Moment brach für unsere Große – und ich muss zugeben auch für mich – eine Welt zusammen. Ich war einfach nur wütend und machte mir Sorgen um meine Maus. Sie ist ein eher introvertiertes Kind – es dauert lange, bis sie sich öffnet und neue Freundschaften schließt. Im Kindergarten war sie die ersten Jahre nur auf ihre Erzieherinnen und eine Freundin fixiert. Wenn diese nicht da war, war der Kindergarten für sie eine Katastrophe. So befürchtete ich, dass sie sich auch in der Schule schwer tun würde neue Freundschaften zu schließen. Mein einziger Trost war, dass eine Freundin aus der musikalischen Früherziehung in ihrer Klasse war. Unsere Große ist dann auch tapfer mit ihrer neuen Klasse in die Schule gegangen.

Beim Abholen deutete sich schon die nächste Katastrophe an, die ich so gar nicht hatte kommen sehen: Sie hat einen Klassenlehrer und keine Klassenlehrerin. Unsere Große hat ganz genaue Vorstellungen von den Dingen und wenn sie nicht so sind, wie in ihrer Vorstellung, kann sie nur schwer damit umgehen. So sorgten beide Umstände dafür, dass sie in den ersten Tagen nur mit Tränen in die Schule gegangen ist. An einem Tag hat sie sich schreiend und weinend an mich geklammert und wollte absolut nicht in die Schule gehen. Ich habe sie dann irgendwann einfach in die Hände des Klassenlehrers übergeben und bin gegangen. Daheim habe ich dann selbst erstmal eine Runde geweint. Dann habe ich die Sekretärin angerufen und gefragt, ob sie mal in der Klasse nachschauen könnte, ob sich meine Große wieder beruhigt hätte. Bei ihrem Rückruf hatte unsere Große sich wieder beruhigt und sogar schon wieder gelächelt. Dennoch hat es mir fast das Herz gebrochen…

Ein großes Dank gilt an dieser Stelle dem Klassenlehrer unserer Großen. Denn ihm ist es gelungen mit seiner ruhigen, aber bestimmten Art genau den richtigen Umgangston für unsere Große zu finden. Er ist auf ihre Sorgen & Ängste wundervoll eingegangen und hat es geschafft, dass sich unsere Große so langsam eingewöhnt hat. Am Tag dieses Ausbruchs unserer Großen hat er sie neben ihre Freundin aus der musikalischen Früherziehung gesetzt, was unserer Großen einen wichtigen Halt gab.

Dennoch hat unsere Große es zunächst nicht akzeptieren können, dass sie einen Lehrer und keine Lehrerin hat. Das war bei uns viele Abende ein Thema. Zunächst habe ich versucht mit Verständnis zu reagieren und ihr die Vorteile aufzuzeigen (Lehrerinnen können auch streng sein; dein Lehrer ist sehr nett und kümmert sich gut um dich; …). Als das keine Wirkung zeigte, sondern ich eher das Gefühl hatte, dass sie sich weiter reinsteigerte, habe ich einen Schlussstrich gezogen. Ich habe ihr gesagt, dass sie sich nicht länger darüber beschweren braucht, dass sie keine Lehrerin hat. Wir können dies nicht ändern und ihr Lehrer ist wunderbar. Wenn sie ein bestimmtes Problem mit ihm hat, könne sie damit jederzeit zu mir kommen und wir würden eine Lösung finden. Aber wir würden nicht mehr diskutieren, dass er ein Lehrer und keine Lehrerin ist. Und was soll ich sagen: Es hat funktioniert. Erst hat sie ihn akzeptiert und inzwischen liebt sie ihn.

Übrigens: Die Einschulungsfeier daheim war dennoch sehr schön – wenn auch ein wenig überschattet von den Ereignissen. Wir haben zum Mittag das Lieblingsessen unserer Großen gekocht und gemütlich daheim mit Oma & Opa sowie meiner Tante, meiner Cousine und ihrem Freund (die extra für die Einschulung Urlaub bei uns gemacht haben) gegessen. Danach habe ich mit der Großen ein Einschulungs-Fotoshooting im Garten gemacht. Es sind tolle Bilder geworden! Am Nachmittag ist noch eine gute Freundin mit ihrem Sohn gekommen. Die Tochter einer Kollegin hatte eine wunderschöne Zuckertüten-Torte gebacken, die wir uns dann haben schmecken lassen. Am Abend haben wir gegrillt und ein paar Nachbarn haben auch noch vorbeigeschaut.

Wie Höhen und Tiefen uns durchs Schuljahr begleitet haben

In der ersten Zeit tat unsere Große sich sehr schwer mit der Schule. Sie glaubte alles schon können zu müssen. Es gelang mir einfach nicht, sie zu überzeugen, dass sie ja in die Schule geht, um dort alles zu lernen. Sie maß sich an den Kindern, die besser waren als sie und dachte, dass sie auch so gut sein müsse. Damit hat sie sich so stark unter Druck gesetzt, dass ich mir wirklich Sorgen gemacht habe. In einem Gespräch mit ihrem Klassenlehrer hat er uns versprochen, dass er mit ihr an ihrem Perfektionismus arbeiten wird, so dass der Druck weniger werden würde. Er hat es geschafft sie zu überzeugen, dass wenn er sagt, dass etwas gut ist, es auch gut ist und sie nicht der Meinung sein müsse, dass sie es besser machen müsste. Es hat ein Weilchen gedauert, aber inzwischen kann sie sehr gut akzeptieren, dass andere besser sind als sie.

Trotz all meiner Befürchtungen hat sich unsere Große mit neuen Freundschaften nicht schwer getan. Was ich sehr gut finde: Sie hat nicht die eine beste Freundin, sondern sie hat einige gute Freundinnen. Je nachdem wie die Situation ist, spielt sie mal mit der einen und mal mit der anderen Freundin. Ich bin inzwischen sogar ganz froh, dass sie nicht mit ihren beiden Kindergartenfreundinnen in eine Klasse gekommen ist. Wer weiß, ob die Dreier-Konstellation gut gegangen wäre. So spielt sie – wenn es passt – ab und zu mit ihnen in der Pause oder im Hort. Gerade was die Offenheit gegenüber anderen und Freundschaften angeht, ist unsere Große mit dem Eintritt in die Schule und ihrem ersten Jahr dort gewachsen. Und das ganz allein…

Überhaupt finde ich es eine große Leistung, mit wie viel Mut sich die Kinder nach der doch noch sehr behüteten Kindergartenzeit auf das Fremde und Neue in der Schule einlassen. Und wie sie ganz allein „ihren Mann bzw. ihre Frau“ stehen. Denn es ist keiner da, der sie an die Hand nimmt und anleitet, was zu tun ist; der in der Puppenecke stundenlang mit ihnen knuddeln kann, wenn sie es mal brauchen; der den Streit mit der besten Freundin schlichtet oder das ärgernde Kind in seine Schranken verweist. Natürlich ist da die Lehrerin oder der Lehrer – und ich bin wirklich mehr als zufrieden mit unserem Klassenlehrer – aber sie stehen doch ein Stück weit mehr auf den eigenen Füßen. Und dieser Mut verdient unseren elterlichen Respekt.

Wie gern würde ich euch jetzt schreiben, dass nach den anfänglichen Startschwierigkeiten alles wunderbar weitergelaufen wäre. In der Schule selbst gab es keine Probleme mehr. Im Gegenteil: Der Klassenlehrer unserer Großen war ganz erstaunt, als wir ihm von unseren Problemen daheim erzählten. Denn es deckte sich gar nicht mit dem Verhalten unserer Großen in der Schule. Unser Problem waren die Hausaufgaben. Eigentlich erledigte unsere Große diese im Hort. Wenn sie es mal nicht schaffte, mussten wir sie zuhause fertig machen. Und da kam es jedes Mal zu Ausbrüchen. Jede Hausaufgabe daheim endete in Tränen.

Natürlich war sie nach einem langen Schultag und vielleicht auch noch Reiten müde und konnte sich nicht mehr gut konzentrieren. Ich habe auch wirklich jedes Mal versucht darauf mit Verständnis zu reagieren. Aber sie lies sich absolut nichts von uns sagen und nahm keine Tipps an; geschweige denn, dass wir ihr sagen konnten, wenn sie etwas nicht richtig gemacht hatte. Mit uns daheim mal etwas zu üben – daran war gar nicht zu denken. Ich bin froh, dass es nicht häufig vorkam, dass wir daheim noch Hausaufgaben machen mussten. Ja, ich bin sehr gespannt, wie es in der zweiten Klasse wird, wenn sie auch mal daheim lernen muss.

Ähnlich verhält es sich mit dem Lesen. Es gibt immer mal wieder ein paar Tage, da klappt das super. Gerade hat sie an wenigen Tagen ihr erstes Buch komplett allein gelesen. Und dann klappt es wieder gar nicht. So wie jetzt wieder. Sie hatte ihr Erfolgserlebnis und schon hat sie keine Lust mehr aufs Lesen üben. Wenn ich es dann doch mal einfordere, klappt es meist nicht sehr gut, weil sie vor lauter Frust Fehler macht, sich nicht konzentriert und dann weinend abbricht, weil sie es ja eh nicht kann. In meinem Artikel „Lesen lernen ist nicht leicht“ habe ich viele Tipps gegeben, aber manchmal hilft einfach keiner davon. Wenn einer von euch einen ultimativen Geheimtipp hat: bitte scheut euch nicht und schreibt ihn als Kommentar unter den Artikel. Ich bin für jeden Tipp dankbar.

Wie wir alle in diesem ersten Schuljahr gewachsen sind

Dennoch blicke ich heute mit einem guten Gefühl zurück auf das erste Schuljahr. Das Stehen auf eigenen Füßen und sich allein durchwurschteln, auch wenn es schwer fällt, hat unsere Große über sich hinauswachsen lassen. Sie hat enorm an Selbstbewusstsein gewonnen und traut sich heute Dinge, an die vor einem Jahr nicht zu denken gewesen wäre. Das Knüpfen neuer Freundschaften hat sie ebenfalls sehr gestärkt. Sie geht heute wesentlich offener auf fremde Menschen zu und knüpft viel leichter neue Kontakte. All dies zusammen hat sie wieder zu unserer lustigen und lebensfrohen Großen werden lassen, die wir viele Monate vermisst hatten. Manchmal ist sie sogar richtig frech und übermütig – aber im positiven Sinne.

Habe ich auch etwas gelernt? Ja! Ich habe gelernt, dass es manchmal gut ist den Druck rauszunehmen. Hätten wir in den ersten Wochen Druck auf sie ausgeübt, was das Lernen und Üben angeht, hätte sie vermutlich dicht gemacht. Gemeinsam mit dem Klassenlehrer haben wir eine Lösung gefunden, die es uns als Eltern erlaubt hat, dass wir zuhause die Schule eine Weile außen vor lassen konnten. Erst in der zweiten Schuljahreshälfte haben wir begonnen nach den Hausaufgaben zu sehen und uns zeigen zu lassen, was sie in der Schule gemacht hat. Ich habe auch gelernt, dass sie ihre Zeit hat, wann sie mir Dinge erzählen möchte; dass ich warten muss, bis sie dafür bereit ist. Ich habe gelernt auszuhalten, dass ich nicht alles über ihren Tag oder ihre Gedanken & Gefühle weiß und ihr zu vertrauen, dass sie mit Sorgen & Ängsten zu mir kommen wird. Vertrauen… Ja, das trifft es tatsächlich am ehesten: Ich habe gelernt meinem Kind auf ganzer Linie zu vertrauen und es damit ein Stück mehr loszulassen.

Das Lesen und Schreiben fällt ihr noch etwas schwer, aber daran arbeiten wir gemeinsam. Ihre Stärke ist die Mathematik – das muss sie von ihrer Oma haben. Ihr Lieblingsfach jedoch ist Sport. Sport… damit hätten wir nie gerechnet, denn sie zeigte eigentlich nie großes Interesse an sportlichen Aktivitäten. Es geht nicht darum, ob sie die Beste im Sport ist, sondern nur darum, dass sie es mit Spaß macht.

Das sollten wir unseren Kindern vor allem mit auf den Weg geben: Sie müssen nicht immer und in allem die Besten sein. Das, worauf wir am meisten stolz sein sollten, ist doch, dass sie sich bemühen. Dass sie sich trauen in eine Klasse voll Fremder zu gehen. Dass sie den Text lesen, obwohl sie nicht so gut lesen können. Dass sie den Ball schießen, auch wenn sie nicht ins Tor treffen. Dass sie uns einen Brief schreiben, wie lieb sie uns haben, obwohl Fehler darin sind. Meine Große: Ich bin stolz auf dich! Und gemeinsam schaffen wir auch die nächsten Schuljahre.

Herzlichst, eure Doreen

Und nun interessiert mich: Wie war euer erstes Schuljahr? Hattet ihr auch Probleme oder lief alles reibungslos? Wo liegen die Stärken und Schwächen eurer Kids?

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